Wie weit soll das alles noch gehen?


Guntershausen 11.04.2026 - Digitalisierung zwischen Fortschritt und Überforderung 

Die Digitalisierung ist längst fester Bestandteil unseres Alltags geworden. Sie verspricht Effizienz, Komfort und Fortschritt. Doch je stärker sie voranschreitet, desto häufiger stellt sich eine kritische Frage: Wie weit soll das alles noch gehen – und zu welchem Preis?

Mehr Technik – weniger Zeit für Menschen

Ein Blick in die Pflege zeigt die Kehrseite besonders deutlich. Pflege­fach­per­sonen berichten zunehmend, dass sie einen grossen Teil ihrer Arbeitszeit nicht mehr bei den Patientinnen und Patienten verbringen, sondern am Computer. Jede Handlung, jede Beobachtung, jede kleine Veränderung muss minutiös erfasst werden.


Dabei geht es nicht nur um Abrechnungen. Vieles davon sind statistische Erhebungen, die von Behörden vorgegeben werden. Die Folge: Statt zuzuhören, zu pflegen und menschlich präsent zu sein, sitzen Fachkräfte oft minutenlang vor Bildschirmen – nach jedem Handgriff. Zeit, die eigentlich den Menschen gehören sollte, geht verloren.


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Bargeldlos – freiwillig oder doch erzwungen?

Auch im Alltag zeigt sich ein ähnliches Bild. Immer mehr Geschäfte setzen auf bargeldlose Zahlungen. Banken und Anbieter fördern diese Entwicklung aktiv – oft mit dem Argument von Effizienz und Sicherheit. Doch wer genauer hinschaut, erkennt eine schleichende Verschiebung: Die Wahlfreiheit der Konsumentinnen und Konsumenten nimmt ab.

Für manche ist das bequem. Für andere – insbesondere ältere Menschen oder Personen ohne Zugang zu moderner Technik – wird der Zugang zum Alltag zunehmend erschwert.

Wenn alles nur noch per App funktioniert

Ob Bahnfahrten, Busbillette oder Informationen: Immer mehr Dienstleistungen werden ausschliesslich digital angeboten. Wer etwa ein Ticket kaufen möchte, ist heute häufig auf eine App angewiesen. Was früher am Schalter erledigt werden konnte, wird zunehmend ins Digitale verlagert.

Gleichzeitig setzen Unternehmen und Behörden verstärkt auf automatisierte Antworten durch Künstliche Intelligenz. Persönlicher Kontakt wird durch Chatbots ersetzt, der Support durch digitale Systeme. Das mag effizient sein – doch nicht immer hilfreich, wenn es wirklich um individuelle Anliegen geht.

Nachhaltigkeit – ein Widerspruch?

Paradoxerweise wird Digitalisierung oft mit Nachhaltigkeit begründet. Weniger Papier, weniger Ressourcen – das klingt überzeugend. Doch ein genauerer Blick zeigt auch die Schattenseite: Wer sein Smartphone, Tablet oder seinen Computer nicht alle paar Jahre erneuert, läuft Gefahr, ausgeschlossen zu werden. Programme funktionieren nicht mehr, Dienste werden eingestellt oder sind nur noch mit aktueller Technik nutzbar. So entsteht ein indirekter Druck, ständig neue Geräte anzuschaffen – mit entsprechenden ökologischen und finanziellen Folgen.

Hinzu kommt ein oft unterschätzter Faktor: der Energieverbrauch. Server, Rechenzentren, Datenübertragungen und die ständige Nutzung digitaler Dienste benötigen enorme Mengen an Strom. Mit jedem neuen Online-Dienst, jeder App und jeder automatisierten Anwendung wächst auch der Energiebedarf der digitalen Infrastruktur spürbar an. Was im Alltag unsichtbar bleibt, hat global betrachtet einen erheblichen ökologischen Fussabdruck.

Fortschritt braucht Mass und Menschlichkeit

Digitalisierung ist nicht grundsätzlich negativ. Sie hat unser Leben in vielerlei Hinsicht erleichtert und neue Möglichkeiten geschaffen. Doch sie darf nicht zum Selbstzweck werden.

Es braucht einen bewussten Umgang mit Technologie – einen, der den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Wahlfreiheit, Zugänglichkeit und echte Entlastung sollten dabei im Vordergrund stehen. Denn Fortschritt bedeutet nicht nur, mehr zu können – sondern auch, das Wesentliche nicht aus den Augen zu verlieren.

Ein Appell an die Politik

Gerade deshalb ist auch die Politik gefordert. Gesetzgeber und Entscheidungsträger sind in der Verantwortung, die Interessen der gesamten Bevölkerung zu vertreten – nicht nur die der wirtschaftlich starken Akteure oder einzelner Lobbys. Digitalisierung darf nicht dazu führen, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen abgehängt oder übergangen werden.

Es braucht Regeln, die Fairness, Zugänglichkeit und Wahlfreiheit sichern. Und es braucht den Mut, auch einmal Grenzen zu setzen, wenn Entwicklungen zwar technisch möglich, aber gesellschaftlich fragwürdig sind.

Denn letztlich betrifft diese Entwicklung uns alle. Und wer heute Entscheidungen trifft, wird selbst eines Tages auf ein System angewiesen sein, das verständlich, zugänglich und menschlich bleibt.

Oder anders gesagt: Auch die Verantwortlichen von heute werden älter – und dann froh sein, wenn die Welt nicht nur digital, sondern auch noch menschlich funktioniert.

Text: Christian Blattner

Besten Dank an die Redaktion der Elgger/Aadorfer Zeitung fürs veröffentlichen!

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